Urteile, die der Durchschnittsbürger nicht versteht

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MarM
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Re: Urteile, die der Durchschnittsbürger nicht versteht

Beitragvon MarM » 14.02.2016, 14:57

Jop, anders gehts eben nicht ^^ Das es da eben auch immer solche Fehler gibt liegt in der Natur des Menschen- nobody is perfect. Dafür gibt es ja eben die höheren Instanzen um sowas dann auszubügeln.
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Re: Urteile, die der Durchschnittsbürger nicht versteht

Beitragvon timotool » 16.02.2016, 14:26

Der Fall "Gustl Ferdinand Mollath"...
Wen es interessiert, schaut bei Wiki für eine Schnellübersicht, es gibt aber auch genug andere Quellen...

Wer lesefaul ist, kann auch die satirische Aufarbeitung von Erwin Pelzig sehen, der das ganze bei "Neues aus der Anstalt" am 25.06.2013 aufgearbeitet hat.
https://www.youtube.com/watch?v=_pysWIQaql4
Wer schweigt, stimmt nicht immer zu. Er hat nur manchmal keine Lust, mit Idioten zu diskutieren. (Albert Einstein)

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Re: Urteile, die der Durchschnittsbürger nicht versteht

Beitragvon Danny McNamara » 16.02.2016, 15:59

timotool hat geschrieben:Der Fall "Gustl Ferdinand Mollath"...
Wen es interessiert, schaut bei Wiki für eine Schnellübersicht, es gibt aber auch genug andere Quellen...

Wer lesefaul ist, kann auch die satirische Aufarbeitung von Erwin Pelzig sehen, der das ganze bei "Neues aus der Anstalt" am 25.06.2013 aufgearbeitet hat.
https://www.youtube.com/watch?v=_pysWIQaql4" target="_blank


Den Fall kannte ich, die satirische Aufarbeitung von Pelzig jedoch nicht.

Sehr gut und unterhaltsam zusammengefasst. Danke für den Link!

Ein Paradebeispiel des inkompetenten Dilettantismus und für die, in meinen Augen, teilweise Schizophrenie der Justiz.

Erwiesene
(Mehrfach-)Straftäter kommen mit einem lauwarmen Zeigefingerwedeln ("Bewährung" und/oder Sozialstunden) davon, weil man deren "Leben nicht verbauen möchte",
während man hier lediglich auf Basis von Behauptungen und haltlosen Vermutungen (gegenüber Mollath) einen Menschen einfach so wegsperrt.
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Re: Urteile, die der Durchschnittsbürger nicht versteht

Beitragvon bolfo » 17.02.2016, 00:40

timotool hat geschrieben:Der Fall "Gustl Ferdinand Mollath"...
Wen es interessiert, schaut bei Wiki für eine Schnellübersicht, es gibt aber auch genug andere Quellen...

Wer lesefaul ist, kann auch die satirische Aufarbeitung von Erwin Pelzig sehen, der das ganze bei "Neues aus der Anstalt" am 25.06.2013 aufgearbeitet hat.
https://www.youtube.com/watch?v=_pysWIQaql4" target="_blank


Einer der skandalösesten Fälle überhaupt. Einer, der von Psychiatern eingestuft wird, die ihn vorher noch nie gesehen haben. Dass es geschehen kann, dass eine Psychiaterin einen Mann einzig anhand der Aussagen seiner Frau auf offiziellem Klinikpapier als Spinner einstuft, ohne dass sie ihn untersucht hat, ist absolut stossend und sollte meiner Meinung nach auch Konsequenzen nach sich ziehen.

Man darf sich dann auch die Frage stellen, ob dies wirklich nur ein vollständiges Versagen der Behören ist, oder ob dies nicht zumindest teilweise auch eine Verschwörung war. Verwundern würde es nicht. Immerhin habe ja seine Frau damit gedroht, sie hätte gute Kontakte, um ihn als gestört erklären zu lassen. Zudem soll es ja bereits bei den ersten Gutachten Widersprüche geben. Offenbar ist ja bereits das erste Gutachten der Ärztin nicht mal von ihr selbst, sondern von ihrem Sohn unterschrieben, was eigentlich eine Urkundenfälschung ist. Es stellt sich zudem für mich auch die Frage, inweifern solche Leute überhaupt tragbar sind und nicht selbst zur Rechenschaft gezogen werden sollten.
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Re: Urteile, die der Durchschnittsbürger nicht versteht

Beitragvon bolfo » 17.02.2016, 01:20

Danny McNamara hat geschrieben:Ein Paradebeispiel des inkompetenten Dilettantismus und für die, in meinen Augen, teilweise Schizophrenie der Justiz.

Erwiesene
(Mehrfach-)Straftäter kommen mit einem lauwarmen Zeigefingerwedeln ("Bewährung" und/oder Sozialstunden) davon, weil man deren "Leben nicht verbauen möchte",
während man hier lediglich auf Basis von Behauptungen und haltlosen Vermutungen (gegenüber Mollath) einen Menschen einfach so wegsperrt.


Das Problem ist hier halt, dass auch dort nur Menschen arbeiten - und wo Menschen sind, passieren Fehler. Nur können das einige Leute, die in der Justiz tätig sind, nicht zugeben (ich kenne einige davon...). Es ist ja dann bezeichnend, dass die bayrische Justizministerin im Falle Mollath "keine grob gemachten Fehler" sieht.

Es ist leider bei einigen Berufsgruppen (insbesondere mit akademischem Hintergrund) so, dass viele nicht sehr selbstkritisch sind. Man sieht sich selbst als elitäre Gruppe an, die über allen anderen steht und die sich nicht täuschen kann. Dieses Verhalten hab ich schon bei diversen (natürlich bei weitem NICHT BEI ALLEN! ) Ärzten festgestellt, ebenso bei Psychiatern, aber auch Juristen und Wirtschaftlern. Wobei ich natürlich auch sehr kritische Angehörige dieser Wissenschaften getroffen habe. Nur vertreten die "selbstsicheren" die Sache lauter als die anderen, und nur die wenigsten geben gerne zu, dass das, was sie studiert haben, eben nicht hundertprozentig "hart" und richtig ist (sonst hätten wir auch nicht teilweise mehrere, sich sogar teilweise widersprechende Theorien in gewissen Disziplinen).

Mit solchen Leuten wird eine Diskussion dann eben verdammt schwierig. Gleichzeitig sind sie von ihrem Tun derart überzeugt, dass es für sie auch gar keinen Grund gibt, etwas, was sie getan haben, nochmals einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Und das macht die Aufdeckung so eines Falles umso schwieriger. Kein Gerichtspsychiater wird freiwillig zugeben, dass er sich bei der Einschätzung eines Täters geirrt hat. Sondern dann ists der Täter, der sich dann unvorhersehbar doch wieder plötzlich verändert hat. Kurzum: Nicht die Einschätzung ist falsch, sondern der Täter hat sich nicht so verhalten, wie es die Einschätzung von ihm verlangt.

Das zeigte sich u.a. im Falle von Mollath ja auch so. Der zweite stützte sich auf das Gutachten der ersten. Der dritte dann auf das Gutachten der ersten beiden etc. Es wäre aber keiner auf die Idee gekommen, dass das Gutachten schlicht und ergreifend einfach falsch sein könnte. Dies zeigt eben auch diese "Selbstsicherheit" dieser Gruppe. Man geht wirklich davon aus, dass diese Gutachten richtig sind. Von "Unsicherheit" ist da nix zu sehen.

Bei uns hat man übrigens mal einen interessanten Versuch gemacht. In meiner Nachbargemeinde ist einer 2001 Amok gelaufen. Dabei hat er das Ratsgebäude gestürmt und hat 14 Politiker erschossen. Dieser hatte bereits eine längere Vorgeschichte, mitunter wegen Unzucht mit Kindern und vielen anderen Taten, wobei er 18 Monate in einer Arbeitserziehungsanstalt einsass. Ihm wurde dannn Persönlichkeitsstörung, Alkoholkrankheit sowie Gehirnschwäche attestiert. Nach der Tat ist man bei der Ausbildung von Gerichtsgutachtern auf die Idee gekommen, mehrere anonymisierte Akten von diversen Verbrechern vorzulegen, und die Leute mussten einschätzen, wer von diesen Leuten in der Lage wäre, Amok zu laufen. Mitunter auch Leibachers, was die Psychiater aber nicht wussten. Erstaunlicherweise hat kein einziger Psychiater Leibacher als gefährlich eingestuft.

Dies zeigt eben, wie "ungenau" solche Dinge sind. Auf die Idee, dass die Einschätzung der Psychiaterin bei Mollath vielleicht falsch ist, hätten die anderen Psychiater eben auch mal kommen sollen. Sie hätten es zumindest in Erwägung ziehen sollen.

Diese - wie du es hier nennst - haltlosen Vermutungen waren für diese Leute quasi harte Fakten. Auf die Idee, dass die mehr oder weniger haltlos (von wissenschaftlich gar nicht erst zu reden) sein könnten, ist da doch keinem in den Sinn gekommen.

Ich will dann auch auf keinen Fall sagen, dass diese Leute nichts können. Aber sie machen eben auch Fehler (zwangsweise, weil die Wissenschaften ungenau sind). Dies sollten sie selbst eben vielleicht auch mal bedenken. Dann würde man solche Dinge vielleicht auch mal kritischer sehen.
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Re: Urteile, die der Durchschnittsbürger nicht versteht

Beitragvon Danny McNamara » 20.02.2016, 15:03

bolfo hat geschrieben:Das Problem ist hier halt, dass auch dort nur Menschen arbeiten - und wo Menschen sind, passieren Fehler. Nur können das einige Leute, die in der Justiz tätig sind, nicht zugeben (ich kenne einige davon...). Es ist ja dann bezeichnend, dass die bayrische Justizministerin im Falle Mollath "keine grob gemachten Fehler" sieht.


Stimmt leider, jedoch findet man dieses nicht zugeben ja überall.
Ist in meinen Augen auch eine elementare Charakterfrage, ob man die Wahrhaftigkeit besitzt, zu seinem Handeln oder auch Nicht-Handeln zu stehen.
Leider findet man überall zahlreiche Menschen, für die Verantwortung bzw. Verantwortungsbewusstsein nur eine weitere schöne Phrase ist, die im Selbstporträt und/oder Lebenslauf steht, neben der obligatorischen "Team-Fähigkeit".

Das Problem ist meines Erachtens aber auch gesellschaftlich bedingt:
In einer Gesellschaft in der überall Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden, ist es die logische Konsequenz, dass Verantwortung vielfach nur noch zu einer leeren Worthülse degeneriert ist.

Ein paar Beispiele dieser Vollkasko-Mentalität:
Wenn Finanzinstitute in riskanten Geschäften erfolgreich sind, profitieren größtenteils nur sie selbst und ihre Anleger, wenn es schief geht, dann springt die "Versicherung" der Steuerzahler ein und "rettet" einen vor den Folgen des eigenen Versagens (Stichwort: too big to fail). Dies hat zwar rein gar nichts mit sozialer Marktwirtschaft zu tun und ist faktisch ein Persilschein zum Zocken, läuft aber trotzdem problemlos.
Wenn jemand erfolgreich im Bildungsbereich ist, so natürlich nur rein durch seine selbstverdiente eigene Leistung, "self-made" (dass Talent und kognitive Attribute, genauso wie z.B. die Physiognomie, absolut unverdient sind, da gottgegeben, wird gerne vergessen), wehe jedoch, wenn man mal scheitert, dann ist selbstredend die Gesellschaft an allem Schuld, nicht man selbst, weil z.B. öffentliche Bibliotheken mit Fachbüchern ja geschlossene Clubs sind, wo man nur durch das Vorschlagsrecht eines etablierten Mitglieds hineingelangt.

bolfo hat geschrieben:Es ist leider bei einigen Berufsgruppen (insbesondere mit akademischem Hintergrund) so, dass viele nicht sehr selbstkritisch sind. Man sieht sich selbst als elitäre Gruppe an, die über allen anderen steht und die sich nicht täuschen kann. Dieses Verhalten hab ich schon bei diversen (natürlich bei weitem NICHT BEI ALLEN! ) Ärzten festgestellt, ebenso bei Psychiatern, aber auch Juristen und Wirtschaftlern. Wobei ich natürlich auch sehr kritische Angehörige dieser Wissenschaften getroffen habe. Nur vertreten die "selbstsicheren" die Sache lauter als die anderen, und nur die wenigsten geben gerne zu, dass das, was sie studiert haben, eben nicht hundertprozentig "hart" und richtig ist (sonst hätten wir auch nicht teilweise mehrere, sich sogar teilweise widersprechende Theorien in gewissen Disziplinen).

Mit solchen Leuten wird eine Diskussion dann eben verdammt schwierig. Gleichzeitig sind sie von ihrem Tun derart überzeugt, dass es für sie auch gar keinen Grund gibt, etwas, was sie getan haben, nochmals einer kritischen Betrachtung zu unterziehen.


:thumbs_up: :thumbs_up:

Die mangelnde Selbstkritik ist meines Erachtens heutzutage, in erheblichem Maße, überall in der Gesellschaft vorhanden, durch alle (Bildungs-)Schichten hindurch und es wird, in meinen Augen, zunehmend schlimmer.
Wenngleich es im akademischen Milieu eine ganz besonders große Ausprägung besitzt, weil man sich selbst aktiv oder passiv als Elite sieht, fängt schon auf der Bachelor-Ebene an, bevor überhaupt eine einzige Prüfung abgelegt wurde und wird danach nach oben hin nicht besser, habe dies in meiner eigenen Studienzeit schon so wahrgenommen und nehme dies heute leider immer noch so wahr.

Die institutionalisierte Pädagogik hat hierzu ihr Übriges beigetragen und tut dies ja fortwährend, in dem der klare Fokus auf der Vermittlung von Selbstvertrauen gelegt wird und Selbstkritik und Demut nur eine untergeordnete Rolle spielen.
Auch hier ist, wiedermal, die gesunde Mitte abhanden gekommen, da beides zwingend gleichwertig vermittelt werden müsste :!:

Wird es aber leider nicht, so dass durch dass inflationäre "das hast du ganz toll gemacht" und "du bist was ganz Besonderes" jeder glaubt er/sie wäre sowas wie ein VIP. Die Frustrationsschwelle, also die Fähigkeit mit vermeintlichen Rückschlägen umzugehen, ist durch diese Verhätschelung extrem niedrig.

Jeder Abiturient denkt, er/sie hätte einen verbrieften Anspruch auf größten akademischen und beruflichen Erfolg und dann herrscht natürlich völliges Unverständnis , wie man denn in einer universitären Prüfung "nur" mit einem befriedigend "abgespeist" werden kann, nachdem man doch ein 1er Abitur hat.
Jeder Hauptschulabbrecher denkt er wäre "Boss" und gebart sich auch so und sein Bildungsversagen ist selbstredend nur der Gesellschaft anzulasten.

(Info: das "jeder" ist eine bewusste Überspitzung)

Folgendes über die Generation Y, der ich übrigens selbst angehöre,
Beschreibt es sehr treffend:
Das Leben ist eben keine Blumenwiese, schon gar nicht für die Generation Y. Die hält sich nämlich für etwas Besseres, ohne zu wissen, warum eigentlich. Und viel zu hohe Ansprüche hat sie auch.


Hier der ganze, sehr lesenswerte, Artikel:
http://www.welt.de/icon/article133276638/Warum-die-Generation-Y-so-ungluecklich-ist.html


bolfo hat geschrieben:Ich will dann auch auf keinen Fall sagen, dass diese Leute nichts können. Aber sie machen eben auch Fehler (zwangsweise, weil die Wissenschaften ungenau sind). Dies sollten sie selbst eben vielleicht auch mal bedenken. Dann würde man solche Dinge vielleicht auch mal kritischer sehen.


Jap :thumbs_up:

Wenn ich immer mal wieder von inkompetenten Dilettanten spreche, so meine ich ja nicht, dass all diese Leute ja nichts können müssen, keinesfalls.
Ich habe es an anderer Stelle schon einmal gesagt:
Inkompetent muss ja nicht zwangsläufig heißen, dass die Personen Defizite hinsichtlich des kognitiven Potentials aufweisen, NEIN, Inkompetenz, was wörtlich ja Unfähigkeit und Untauglichkeit bedeutet, kann auch einfach dadurch entstehen, dass man sich einfach der Ignoranz und der Ideologie (hier speziell der jeweiligen Wissenschaft) hingibt, ohne jegliche ernsthafte Selbstkritik.
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Re: Urteile, die der Durchschnittsbürger nicht versteht

Beitragvon Danny McNamara » 23.02.2016, 17:10

Zwar heißt der Titel des Threads "Urteile, die der Durchscnittsbürger nicht versteht",
jedoch möchte ich, von der Grundthematik passend, ein paar Ebenen höher ansetzen, bei der vielfach beobachtbaren politischen Marschroute des Laissez-faire, die ich als Normalbürger nicht verstehe.

ARD Kontraste hat geschrieben: Abwarten, diskutieren, typisch Berlin


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Re: Urteile, die der Durchschnittsbürger nicht versteht

Beitragvon Formel Heinz » 23.02.2016, 19:01

Danny McNamara hat geschrieben:Zwar heißt der Titel des Threads "Urteile, die der Durchscnittsbürger nicht versteht",
jedoch möchte ich, von der Grundthematik passend, ein paar Ebenen höher ansetzen, bei der vielfach beobachtbaren politischen Marschroute des Laissez-faire, die ich als Normalbürger nicht verstehe.

ARD Kontraste hat geschrieben: Abwarten, diskutieren, typisch Berlin




Da funktioniert einmal etwas in Bayern, und gerade das wird in Berlin vehement nicht angenommen? :eh2:
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Re: Urteile, die der Durchschnittsbürger nicht versteht

Beitragvon bolfo » 23.02.2016, 21:51

Danny McNamara hat geschrieben:Zwar heißt der Titel des Threads "Urteile, die der Durchscnittsbürger nicht versteht",
jedoch möchte ich, von der Grundthematik passend, ein paar Ebenen höher ansetzen, bei der vielfach beobachtbaren politischen Marschroute des Laissez-faire, die ich als Normalbürger nicht verstehe.

ARD Kontraste hat geschrieben: Abwarten, diskutieren, typisch Berlin




Und dann fragt man sich, warum Deutschland Bürger hat, die nach Selbstjustiz schreien.......
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Re: Urteile, die der Durchschnittsbürger nicht versteht

Beitragvon bolfo » 23.02.2016, 22:49

Danny McNamara hat geschrieben:
bolfo hat geschrieben:Das Problem ist hier halt, dass auch dort nur Menschen arbeiten - und wo Menschen sind, passieren Fehler. Nur können das einige Leute, die in der Justiz tätig sind, nicht zugeben (ich kenne einige davon...). Es ist ja dann bezeichnend, dass die bayrische Justizministerin im Falle Mollath "keine grob gemachten Fehler" sieht.


Stimmt leider, jedoch findet man dieses nicht zugeben ja überall.
Ist in meinen Augen auch eine elementare Charakterfrage, ob man die Wahrhaftigkeit besitzt, zu seinem Handeln oder auch Nicht-Handeln zu stehen.
Leider findet man überall zahlreiche Menschen, für die Verantwortung bzw. Verantwortungsbewusstsein nur eine weitere schöne Phrase ist, die im Selbstporträt und/oder Lebenslauf steht, neben der obligatorischen "Team-Fähigkeit".

Das Problem ist meines Erachtens aber auch gesellschaftlich bedingt:
In einer Gesellschaft in der überall Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden, ist es die logische Konsequenz, dass Verantwortung vielfach nur noch zu einer leeren Worthülse degeneriert ist.

Ein paar Beispiele dieser Vollkasko-Mentalität:
Wenn Finanzinstitute in riskanten Geschäften erfolgreich sind, profitieren größtenteils nur sie selbst und ihre Anleger, wenn es schief geht, dann springt die "Versicherung" der Steuerzahler ein und "rettet" einen vor den Folgen des eigenen Versagens (Stichwort: too big to fail). Dies hat zwar rein gar nichts mit sozialer Marktwirtschaft zu tun und ist faktisch ein Persilschein zum Zocken, läuft aber trotzdem problemlos.


Da rennst du bei mir natürlich offene Türen ein. Zumal genau dies bei uns in der Schweiz dank unserer Bankennation eben absoluter Alltag ist. Ich kenne einige Banker, die es ganz offen aussprecheen, dass ihre Firma too big to fail sei. Insofern hat man auch kein Verantwortungsbewusstsein. Warum auch? Wenn was passiert, bezahlt ein anderer. Man selbst wird ja gerettet.

Das haben wir ja hier in der Schweiz selbst erlebt. Als die UBS vor dem Abgrund stand, musste der Steuerzahler mit Milliarden einspringen. Das Perfide: Etliche dieser Milliarden wurden direkt als Boni an die Mitarbeitenden ausbezahlt, auch in den oberen Etagen. Grund: Man könne ja die guten Mitarbeiter nicht verärgern, die würden sonst zur Konkurrenz abwandern. Doch das ist völlig falsch. Wenn eine Firma nicht rentiert, darfs eben keine Boni geben. Dies soll bei entsprechender Wirtschaftslage geschehen. Erst recht obendurch. Einige Banker haben sogar damit gedroht, sich notfalls die Boni einzuklagen, sollten sie ausbleiben. Da sieht man einfach, was für ein falsches Spiel gespielt wird. Bei einem Kleinunternehmen hätte genau diese Bank den Geldhahn zugedreht uns es bankrott werden lassen.

Insofern sind Worte wie "Verantwortung" reine Worthülsen. Der Chef verdient so viel, wegen der Verantwortung. Welcher Verantwortung bitte? Wenn die Firma crasht, nimmt er selbst den goldenen Fallschirm. Der hat faktisch "keine Verantwortung", sondern er tut so, als ob eine hätte. Verantwortung hat man dann, wenn man für Fehler auch gerade stehen muss. Das muss man aber nicht. Und das ist das Problem.


Wenn jemand erfolgreich im Bildungsbereich ist, so natürlich nur rein durch seine selbstverdiente eigene Leistung, "self-made" (dass Talent und kognitive Attribute, genauso wie z.B. die Physiognomie, absolut unverdient sind, da gottgegeben, wird gerne vergessen), wehe jedoch, wenn man mal scheitert, dann ist selbstredend die Gesellschaft an allem Schuld, nicht man selbst, weil z.B. öffentliche Bibliotheken mit Fachbüchern ja geschlossene Clubs sind, wo man nur durch das Vorschlagsrecht eines etablierten Mitglieds hineingelangt.


Das ist genau der nächste Punkt. Dass der Erfolg im Bildungsbereich EINZIG durch unsere Institutuion Staat kommt, will man gar nicht hören. Das hat man ALLES selbst geschafft. ALLES. Ohne fremde Hilfe. Die Frage, wie gut man wohl in Afrika irgendwo im Busch abgeschnitten hätte, stellt sich gar nicht. Und das ist es dann auch, was mich hier stört. Keiner will Steuern zahlen. Aber jeder will gute Bildung, freien Zugang zu Universitäten, ein funktionierendes ÖV-Netz, Spitäler usw. Ja, dass das eben kostet schnallt man nicht. Warum sollte ICH für die Bildung anderer zahlen? Ich hab ja meine durch... so in etwa ist die Denkweise.

Ich musste auch hier lauthals bei dieser Doppelmoral lachen. ALLE Wirtschaftsbosse haben gesagt, der Staat dürfe sich nicht in den freien Markt einmischen. Als hier aber der Euro-Mindestkurs aufgehoben wurde, weil die Nationalbank den nicht mehr küstlich hielt, war der Aufschrei genau von diesen Leuten gigantisch. Der Staat würde so den Unternehmen schaden. Ja, was nun? Man hat ja gefordert, dass sich dieser Staat nicht einmischt....

Ja, und teilweise sind gewisse Dinge gottgegeben. Es gibt nun mal Leute, die kein Uni-Studium schaffen. Und da kenne ich viele, die dann auf diese Leute runterschauen. Dass dabei ohne diese unser gesamtes System nicht funktionieren würde, kapieren diese gehobenen Leute nicht. Ein Mathematiker an der Uni sieht eben relativ alt aus, wenn das Gebäude nicht gebaut, der ÖV nicht vorhanden, der Müll nicht abgeholt und der Frass nicht serviert wird. Dann hätte er eben nur recht wenig Zeit für Mathe, wenn er das alles selbst machen müsste.



Die mangelnde Selbstkritik ist meines Erachtens heutzutage, in erheblichem Maße, überall in der Gesellschaft vorhanden, durch alle (Bildungs-)Schichten hindurch und es wird, in meinen Augen, zunehmend schlimmer.
Wenngleich es im akademischen Milieu eine ganz besonders große Ausprägung besitzt, weil man sich selbst aktiv oder passiv als Elite sieht, fängt schon auf der Bachelor-Ebene an, bevor überhaupt eine einzige Prüfung abgelegt wurde und wird danach nach oben hin nicht besser, habe dies in meiner eigenen Studienzeit schon so wahrgenommen und nehme dies heute leider immer noch so wahr.


Das ist schon so. Ich hab ja zu Beginn als Nebenfach Wirtschaft gemacht. Noch bevor die ersten Prüfungen geschrieben wurden, dachten einige schon, sie wären die einzige Zukunft für die Schweiz, die mal mit dem Porsche vor dem Bundeshaus vorfahren würden, um denen zu zeigen, wos wirtschaftlich langgeht. Dabei kommts dann oftmals zum Crash mit der Realität. Sei es, dass man dann die Prüfungen doch nicht schafft oder später im Job merkt, dass man in der Firma auch nur eine Nummer ist.

Auch hier driften Realität und Anspruch weit auseinander. Hier hat man ja den Ruf, als Banker stinkreich zu werden. Also hat man mal die Löhne von Bankern untersucht - teils mit Uni-Abschlüssen. Arbeitsort: Paradeplatz. 5-10 Jahre Berufserfahrung. Da kamen dann schon viele und flennten, sie würden nur 7000-8000 Franken im Monat verdienen. Ja, nicht jeder macht eben auf der Bank Millionen. Die allerwenigsten schaffen es, irgendwann dort mal 500'000 im Jahr zu verdienen (das dürfte am Ende wohl kein Prozent sein). Man tut aber so, als ob dies der absolute Normalfall wäre. Dementsprechend fühlen sich die jungen Studis oftmals auch als kommende Elite. Fest davon überzeugt, einmal ein Millionen-Gehalt einzustreichen. Ja, wenns so einfach wäre. Man merkt dies aber auch, wenn man von Bankern spricht. Dort wird hier in der Schweiz sofort die Vermutung laut, dass der mindestens das 5-fache verdient.

Man hat zudem auch Studenten interviewt und gefragt, was sie denn schätzen würden, was sie nach dem Studim verdienen würden, direkt nach dem Abgang. Viele haben mit 10-11'000 pro Monat gerechnet. Im Normalfalls kommst du aber kaum auf 7'000 Franken. In der Wirtschaftswissenschaft liegt man zwar vorne, aber eben nur knapp. Im Technologiebereich ist man bis auf wenige Franken pro Monat dran. Aber es kommt eben aufs Image an.



Die institutionalisierte Pädagogik hat hierzu ihr Übriges beigetragen und tut dies ja fortwährend, in dem der klare Fokus auf der Vermittlung von Selbstvertrauen gelegt wird und Selbstkritik und Demut nur eine untergeordnete Rolle spielen.
Auch hier ist, wiedermal, die gesunde Mitte abhanden gekommen, da beides zwingend gleichwertig vermittelt werden müsste :!:

Wird es aber leider nicht, so dass durch dass inflationäre "das hast du ganz toll gemacht" und "du bist was ganz Besonderes" jeder glaubt er/sie wäre sowas wie ein VIP. Die Frustrationsschwelle, also die Fähigkeit mit vermeintlichen Rückschlägen umzugehen, ist durch diese Verhätschelung extrem niedrig.

Jeder Abiturient denkt, er/sie hätte einen verbrieften Anspruch auf größten akademischen und beruflichen Erfolg und dann herrscht natürlich völliges Unverständnis , wie man denn in einer universitären Prüfung "nur" mit einem befriedigend "abgespeist" werden kann, nachdem man doch ein 1er Abitur hat.
Jeder Hauptschulabbrecher denkt er wäre "Boss" und gebart sich auch so und sein Bildungsversagen ist selbstredend nur der Gesellschaft anzulasten.

(Info: das "jeder" ist eine bewusste Überspitzung)


Das ist definitiv der Fall. Heute geht ja eh alles über Selbstvertrauen uns Selbstorganisation. Und was du sagst, erfährt ja auch jeder Lehrer. Früher bekam das Kind von den Eltern die Kritik, wenn es in der Schule nicht gut war. Heute ists ausschliesslich (und ausschliesslich!) der Lehrer. Etwas anderes gibts gar nicht.

Genau das Problem, das du ansprichst, hatte ich eben auch. Ich war stets der Beste. Egal, was ich tat. Oberstufe? Der Beste (mit riesigem Abstand, ich hatte durchgehend nur Bestnoten). Lehre? Der Beste (bester Lehr-Abschluss des gesamten Kantons, Extra-Auszeichnung). Fachhochschule? Meine Diplomarbeit bekam eine gesponsorte Auszeichnung (hat sich recht gelohnt - das brilliante war, dass ich damit meine sehr hohen Kosten decken konnte, die diese Arbeit verursacht hat; alleine die Literatur hat mich über 2'000 Euro gekostet), weil sie die innovativste war (gut, ein bisschen stolz bin ich darauf noch, da dies alle Disziplinen der ganzen Fachhochschule betraf). Jeder sagte, ich sei ein kleiner Superstar. Ja, und dann gings an die Mathe-Fakultät... Ich dachte ernsthaft, ich gehe jetzt dorthin und rocke das Ding. Und da habe ich erstmals eiskalt die Faust in die Fresse gekriegt. Gauss meinte ja mal, dass die Mathematik die Königin der Wissenschaften sei. Dummerweise merkte ich dann, dass ich eben kein König bin :mrgreen: . Insofern sage ich heute, dass mir das Lob der anderen vorgängig geschadet hat. Wäre ich nicht an die Mathe-Fakultät gegangen, würde ich heute wohl noch meinen, ich sei das Genie schlechthin. Wenn du aber die Ehre hast, mit den genialsten Köpfen in diesem Gebiet zusammen zu arbeiten, merkst du eben, wo du wirklich stehst. Ich zitiere hier nur einen meiner Assistenten (der mich unterrichtete, also ich war einer seiner Studierenden ^^), ein Genie, das mit 24 Jahren den Doktor in Mathe gemacht hat: Das Frustrierende an der Mathe ist, dass man, je weiter man raufkommt und darüber weiss, merkt, dass es noch viel mehr Potential gäbe.
Immerhin, heute tröste ich mich damit, dass ich nicht den besten aller Abschlüsse habe, aber immerhin nicht zu denen 4 aus 5 gehöre, die das Mathestudium trotz 1er-Abi abgebrochen haben..... :mrgreen: Aber eine Zeit lang gab dies schon eine Gesinnungskrise. Vor allem, weil ich in den Nebenfächern dann noch so massiv besser war.... Dennoch, wenn ich sehe, wie sich diese Leute teilweise anstellen... dann denke ich mir, wie herrlich es doch ist, "normal" zu sein.......

Die institutionalisierte Pädagogik ist ja eine Sache. Aber es geht ja schon bei den Eltern los. Das ultimativ schlimmste für mich: In einem Raum mit mehreren Eltern zu sein, die junge Kinder haben. "Meins hat schon mit 6 Monaten Papa sagen können". "Mei, mein Kind konnte schon mit 9 Monaten laufen! Und deins?" "Ui, mein Kind konnte schon mit 2 Jahren pfeifen...".

Grauenhaft... Da bekomm ich die Krise. Dann merkst du das erste Mal, dass es gar nicht um die Kinder geht, sondern um die Eltern, die sich dank der Kinder hervortun.......


Folgendes über die Generation Y, der ich übrigens selbst angehöre,
Beschreibt es sehr treffend:
Das Leben ist eben keine Blumenwiese, schon gar nicht für die Generation Y. Die hält sich nämlich für etwas Besseres, ohne zu wissen, warum eigentlich. Und viel zu hohe Ansprüche hat sie auch.


Hier der ganze, sehr lesenswerte, Artikel:
http://www.welt.de/icon/article133276638/Warum-die-Generation-Y-so-ungluecklich-ist.html


Toll :thumbs_up: Unrecht ists ja nicht :mrgreen:

bolfo hat geschrieben:Ich will dann auch auf keinen Fall sagen, dass diese Leute nichts können. Aber sie machen eben auch Fehler (zwangsweise, weil die Wissenschaften ungenau sind). Dies sollten sie selbst eben vielleicht auch mal bedenken. Dann würde man solche Dinge vielleicht auch mal kritischer sehen.


Jap :thumbs_up:

Wenn ich immer mal wieder von inkompetenten Dilettanten spreche, so meine ich ja nicht, dass all diese Leute ja nichts können müssen, keinesfalls.
Ich habe es an anderer Stelle schon einmal gesagt:
Inkompetent muss ja nicht zwangsläufig heißen, dass die Personen Defizite hinsichtlich des kognitiven Potentials aufweisen, NEIN, Inkompetenz, was wörtlich ja Unfähigkeit und Untauglichkeit bedeutet, kann auch einfach dadurch entstehen, dass man sich einfach der Ignoranz und der Ideologie (hier speziell der jeweiligen Wissenschaft) hingibt, ohne jegliche ernsthafte Selbstkritik.


Für mich eine der BESTEN Aussagen, die ich jemals diesbezüglich gelesen habe und die den Nagel derart auf den Kopf trifft, dass der gleich ganz versenkt ist :thumbs_up: :thumbs_up: :thumbs_up: GENAU DAS ist es, was tragisch ist. Genau das ist es, was ich als "Verendung" des akademischen Geistes sehe :thumbs_up: :thumbs_up: :thumbs_up: :thumbs_up: :thumbs_up:

Diesbezüglich könnte ich jetzt einen Roman schreiben (was ich aber lasse). Und nur, ums kurz zu sagen: genau HIER kommt eben das ins Spiel, was auch absurde Urteile ausmachen. Die mögen ja juristisch einwandfrei sein und (juristisch) ihren Sinn haben. Aber es sind ignorante Urteile, die sich nicht mit der Realität decken. Dort wird dann mehr den Rechtswissenschaften, einem grossen Konstrukt, Rechnung getragen, und eben nicht mehr dem Bürger bzw. der Gesellschaft.
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Re: Urteile, die der Durchschnittsbürger nicht versteht

Beitragvon f1fun » 04.05.2016, 11:42

Am Montag lief eine "Hart aber fair" Folge genau zu diesem Thema. In die Tiefe ging man leider nicht wirklich, was natürlich auch schwierig ist bei solchen Sendungen. Dennoch sah man, dass gerade das hier im Thread genannte Auseinanderdriften von Justiz und Gerechtigkeitsempfinden der Bürger insbesondere durch den anwesenden Richter sehr deutlich wurde.

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Re: Urteile, die der Durchschnittsbürger nicht versteht

Beitragvon daSilvaRC » 04.05.2016, 15:33

f1fun hat geschrieben:Am Montag lief eine "Hart aber fair" Folge genau zu diesem Thema. In die Tiefe ging man leider nicht wirklich, was natürlich auch schwierig ist bei solchen Sendungen. Dennoch sah man, dass gerade das hier im Thread genannte Auseinanderdriften von Justiz und Gerechtigkeitsempfinden der Bürger insbesondere durch den anwesenden Richter sehr deutlich wurde.



das ist doch so ne gestellte RTL Nachmittags unterhaltungsshow oder?
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Re: Urteile, die der Durchschnittsbürger nicht versteht

Beitragvon f1fun » 04.05.2016, 16:50

daSilvaRC hat geschrieben:
f1fun hat geschrieben:Am Montag lief eine "Hart aber fair" Folge genau zu diesem Thema. In die Tiefe ging man leider nicht wirklich, was natürlich auch schwierig ist bei solchen Sendungen. Dennoch sah man, dass gerade das hier im Thread genannte Auseinanderdriften von Justiz und Gerechtigkeitsempfinden der Bürger insbesondere durch den anwesenden Richter sehr deutlich wurde.



das ist doch so ne gestellte RTL Nachmittags unterhaltungsshow oder?


Nein

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Re: Urteile, die der Durchschnittsbürger nicht versteht

Beitragvon Danny McNamara » 04.05.2016, 17:07

daSilvaRC hat geschrieben:
f1fun hat geschrieben:Am Montag lief eine "Hart aber fair" Folge genau zu diesem Thema. In die Tiefe ging man leider nicht wirklich, was natürlich auch schwierig ist bei solchen Sendungen. Dennoch sah man, dass gerade das hier im Thread genannte Auseinanderdriften von Justiz und Gerechtigkeitsempfinden der Bürger insbesondere durch den anwesenden Richter sehr deutlich wurde.



das ist doch so ne gestellte RTL Nachmittags unterhaltungsshow oder?


:shock:

Also in meinen Augen ist Plasberg und seine Sendung noch mit Abstand eine der sehenswerteren Gesellschafts-Polit-Talk-Formate im deutschen Fernsehen.

Vergleiche mit den Scripted-Reality-Proll-Formaten verbieten sich da wirklich :)
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Re: Urteile, die der Durchschnittsbürger nicht versteht

Beitragvon bolfo » 04.05.2016, 20:13

f1fun hat geschrieben:Am Montag lief eine "Hart aber fair" Folge genau zu diesem Thema. In die Tiefe ging man leider nicht wirklich, was natürlich auch schwierig ist bei solchen Sendungen. Dennoch sah man, dass gerade das hier im Thread genannte Auseinanderdriften von Justiz und Gerechtigkeitsempfinden der Bürger insbesondere durch den anwesenden Richter sehr deutlich wurde.


Tja, die Kuschel-Lobby hat da eben beste Arbeit geleistet.

Bei uns hat diesbezüglich übrigens auch erst gerade wieder die Diskussion angefangen. Eine Gefängniswärterin hat sich in einen verurteilten Vergewaltiger verliebt und ihn freigelassen. Zusammen haben sie dann die Flucht nach Italien gewagt und tauchten unter. Nun wurden sie erwischt.

Fazit: Beide wurden in die Schweiz ausgeliefert. Die Gefängniswärterin wurde sofort auf freien Fuss gelassen. Da sie vorher nicht strafrechtlich in Erscheinung trat, wird nicht damit gerechnet, dass sie ins Gefängnis kommt. Man rechnet mit einer bedingten Haftstrafe als Urteil. Deshalb sei es nicht gerechtfertigt, sie in U-Haft zu halten. Zudem gäbe es mildernde Umstände: Sie habe nicht aus Arglist, sondern aus Liebe gehandelt; ebenso sei sie reuig und habe ihre Karriere selbst zerstört, sodass die selbst geschädigt sei. Deswetieren sieht man keine Fluchtgefahr, weil ihr Liebhaber ja wieder hinter Schloss und Riegel sitzt.

Es ist schon verwunderlich, dass man das Freilassen eines Vergewaltigers (!) sowie die Flucht mit einer bedingten Strafe belegen will. Man muss sich ernsthaft fragen, was man denn überhaupt anstellen muss, um überhaupt mal in den Knast zu kommen.

Der Strafrechtsprofessor Martin Killias selbst meint, dies sei "schon fast eine Provokation" seitens der Justiz. Im Interview (auch wenns bloss der Blick ist...) sagt er:

Blick: Herr Killias, wieso muss Angela Magdici nicht ins Gefängnis, obwohl sie einen verurteilten Vergewaltiger freiliess?

Killias: Weil man in der Schweiz nur selten ins Gefängnis kommt.

Blick: Es gibt doch Straftäter, die eine unbedingte Gefängnisstrafe bekommen.

KIllias: Ja, aber nur bei sehr schweren Verbrechen. Oder wenn jemand viele Vorstrafen hat. Solange man niemanden tötet, gibt es bei Ersttätern fast immer einen Bedingten.

Blick: Gibt es also zu selten Gefängnisstrafen?

Killias: Sagen wir es so: In keinem anderen Land in Europa gibt es so selten unbedingte Gefängnisstrafen wie in der Schweiz. Hier gibt es so etwas wie eine Garantie auf «bedingt».

Blick: Wieso ist das so?

Killias: Dahinter steckt jahrelange Überzeugungsarbeit, dass Gefängnisstrafen schädlich seien, obwohl das so nicht stimmt. Deshalb wird auf Teufel komm raus geschaut, dass niemand ins Gefängnis muss.


Blick: Und wer leistete diese Überzeugungsarbeit?

Killias: Am Anfang standen wir Strafrechtler, dann die bei uns ausgebildeten Anwälte und Richter.

Blick: Verstehen Sie also, dass viele Leute das mutmassliche Urteil für Magdici nicht verstehen?

Killias: Ja natürlich. Das ist fast schon eine Provokation und zeigt die Legitimitätskrise des Strafrechts.


Quelle: http://www.blick.ch/news/schweiz/strafr ... 86060.html" target="_blank" target="_blank" target="_blank" target="_blank" target="_blank" target="_blank" target="_blank


Wenn bereits ein Strafrechtsprofessor solche Urteile nicht nachvollziehen kann, sollten wir uns alle mal fragen...
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