Zum Abschied von Niki Lauda: Die Legende und der Mensch

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Redaktion
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Zum Abschied von Niki Lauda: Die Legende und der Mensch

Beitrag von Redaktion » 29.05.2019, 16:24

Chefredakteur Christian Nimmervoll über Niki Laudas letztes Rennen: Wie der Abschied zu Tränen gerührt hat und was an der Aufbahrung kritisiert werden muss © Paul Wuthe Österreich nimmt Abschied von Niki Lauda: Auf dem geschlossenen Sarg liegen ein Lorbeerkranz und ein Rennhelm. Der Leichnam trägt einen Rennoverall. Ein letztes Mal. Liebe Leser,

noch nie ist es mir so schwergefallen, meine Gedanken in eine Kolumne zu fassen, wie am heutigen Tag, zum Abschied von Niki Lauda. Meine Freundin Andrea hat sich einmal bei mir darüber "beschwert", mich noch nie weinen gesehen zu haben. So gesehen schade, dass sie heute Dienst im Krankenhaus hatte. Es wäre eine Premiere gewesen.

Über weite Strecken ist es mir gelungen, gemeinsam mit meinen Kollegen die Berichterstattung über das Leben und den Tod und heute den Abschied von Niki Lauda professionell abzuwickeln. Das mag kühl sein, aber es ist nun mal unsere Aufgabe als Vertreter der Medien, zu berichten und nicht zu trauern. Dafür ist nach Dienstschluss Zeit.

Aber als nach dem Requiem im Wiener Stephansdom selbst Helmut Marko, nicht gerade bekannt als ein besonders rührseliger Zeitgenosse, die Tränen übers Gesicht kullerten, war es dann auch um meine Fassung geschehen.Bewegende Szenen bei der VerabschiedungOder Lukas Lauda, der ältere Sohn, der in einer TV-Doku einmal gesagt hat, dass Niki als Vater "eine Katastrophe" war. Auch er wurde beim Abschied von seinen Emotionen überwältigt.

Niki Lauda war ein großer Mann. Schon immer. In seinen letzten Jahren wurde er auch zu einem großen Familienmenschen. Das sah man heute an den Emotionen derer, die nicht von der öffentlichen Person Niki Lauda Abschied genommen haben, sondern vom Ehemann, Vater und Freund. Tränen lügen nicht.Ich denke, es ist ganz wichtig, zwei Dinge auseinanderzuhalten: Die tausenden Menschen, die am Vormittag im Stephansdom Abschied von Niki Lauda genommen haben, verlieren eine Figur der Inspiration, ein Vorbild, einen Helden. Einen Teil ihrer Jugend, wie eine Besucherin so schön gesagt hat. "Niki Nazionale" eben.

Ich habe Niki Lauda nie näher kennengelernt. Er lief mir dann und wann im Paddock über den Weg; einmal, 2015, habe ich ein größeres Interview mit ihm geführt. Er war für mich eine Respektsperson. Aber trotz allem in erster Linie eine öffentliche Figur.

Seine Familie aber, und das dürfen wir alle nicht vergessen, verliert einen Menschen aus Fleisch und Blut. Einen, den es auch ohne rotes Kapperl am Fernsehschirm gegeben hat. Auch wenn sie mich nicht kennen: Ich möchte ihnen mein aufrichtiges Beileid aussprechen - auch im Namen der gesamten Redaktion.Bundespräsident und Altkanzler als RednerEs war ein bewegender Abschied von Niki Lauda in Wien. Die Tragweite für Österreich, aber auch für die weltweite Motorsport-Community beschreibt die Gästeliste am besten.Alle waren sie heute da: Bundespräsident Alexander van der Bellen und Altbundeskanzler Sebastian Kurz haben Reden gehalten. Und eine öffentliche Aufbahrung für einen Sportler im "Steffl", im Nationalheiligtum der Österreicher, das hat's davor überhaupt noch nie gegeben. Das Mercedes-Team erinnert sich an Niki Lauda Teammitglieder des Weltmeisterrennstalls erinnern sich in persönlichen Anekdoten an Niki Lauda - ehrlich, berührend, sehr privat Weitere Formel-1-Videos Alain Prost hat beim Requiem, das auf Wunsch der Familie nicht im TV übertragen wurde, gesprochen. Ebenso Gerhard Berger und Arnold Schwarzenegger.Lewis Hamilton war da und verbarg seine Trauer unter schwarzen Sonnenbrillen. Arturo Merzario, der Lebensretter vom Nürburgring. Toto Wolff, natürlich. Luca di Montezemolo. Man könnte die Liste endlos fortsetzen. Das Who's Who der Formel 1 trauerte heute in Wien.Neben dem würdevollen Abschied gab es da aber auch eine Sache, die mich stört. Nämlich dass die meisten Menschen, die sich von Niki Lauda am Sarg verabschiedet haben, unbedingt ein Handy-Foto knipsen mussten.Muss das wirklich sein, bei einer Aufbahrung das Smartphone aus der Tasche zu holen? Ich kann Verständnis dafür aufbringen, dass Niki Lauda für viele Menschen etwas ganz Besonderes war, auch wenn sie ihn nie persönlich kennengelernt haben. Und dass es ein Bedürfnis gibt, so einen Moment irgendwie festzuhalten. Insofern möchte ich das nicht kategorisch verurteilen.Handy-Foto am Sarg: Muss das sein?Aber bei vielen hatte man den Eindruck, sie haben sich nicht des Abschieds wegen stundenlang angestellt, sondern um ein Foto zu knipsen, mit dem sie bei Freunden prahlen oder das sie auf Facebook posten können. Das finde ich, ehrlich gesagt, bei einem solchen Anlass unangemessen. Und hätte man sich verkneifen können.Auf der anderen Seite gab es auch die rührenden Momente bei der öffentlichen Verabschiedung. Ein Mann, der in einer Lauda-Air-Uniform kam und eine Rose niederlegte. Offenbar einer von Laudas ehemaligen Mitarbeitern.

Ein anderer, der extra aus Frankfurt angereist kam, um einen kurzen Moment des persönlichen Abschieds zu bekommen. Und ganz viele Italiener, Bewunderer Laudas aus seiner Ferrari-Zeit.

Niki Lauda ist ein Stück österreichischer Zeitgeschichte. Als er am Nürburgring dem Tod von der Schaufel gesprungen ist, stürzte in Wien die Reichsbrücke ein. Als er am 20. Mai in Zürich friedlich eingeschlafen ist, stürzte die Republik gerade in eine Regierungskrise. Und trotzdem gehörten die Titelseiten auf den Zeitungen Niki Lauda. 1976 genauso wie 2019.

Hätte ich eine rote Kappe, ich würde sie heute demütig ziehen. Aus Respekt vor der Lebensleistung eines bewundernswerten Mannes, der als öffentliche Figur in meinem ganzen Leben eine Rolle gespielt hat. Und dessen schier unvorstellbares Vermächtnis mit dem heutigen Tag gewiss nicht endet.

Ihr
Christian Nimmervoll
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Re: Zum Abschied von Niki Lauda: Die Legende und der Mensch

Beitrag von reiskocher_gtr_specv » 29.05.2019, 16:48

Ich habe hier noch nie eine Kolumne gelesen, der ich mich ohne Kritik/Einwände derart anschließen kann wie dieser.

Inklusive dem emotionalen Rumgeheule eines Mid-50ers hier vor dem Bildschirm, wurde man durch den Festakt doch nochmals daran erinnert, dass er halt eben nicht mehr zurück kommt.

Diese Selfie- und sonstige Handy-Knipserei war UNSÄGLICH.
Hätte er selbst darüber gelacht wie mein Avatar vermuten lassen könnte? Vielleicht war das ja auch Ausdruck des Feierns eines Toten, der speziell Österreichern bzw. insbesondere Wienern gerne nachgesagt wird.

Sei's drum. Lauda hat weit über die F1 hinaus einen riesigen Fußabdruck hinterlassen, was nur wenigen vergönnt ist.

In diesem Sinne, mach's gut.
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Staind
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Re: Zum Abschied von Niki Lauda: Die Legende und der Mensch

Beitrag von Staind » 29.05.2019, 17:15

Chefredakteur Christian Nimmervoll hat geschrieben:
:chat:
Neben dem würdevollen Abschied gab es da aber auch eine Sache, die mich stört. Nämlich dass die meisten Menschen, die sich von Niki Lauda am Sarg verabschiedet haben, unbedingt ein Handy-Foto knipsen mussten.

Muss das wirklich sein, bei einer Aufbahrung das Smartphone aus der Tasche zu holen? Ich kann Verständnis dafür aufbringen, dass Niki Lauda für viele Menschen etwas ganz Besonderes war, auch wenn sie ihn nie persönlich kennengelernt haben. Und dass es ein Bedürfnis gibt, so einen Moment irgendwie festzuhalten. Insofern möchte ich das nicht kategorisch verurteilen.

Aber bei vielen hatte man den Eindruck, sie haben sich nicht des Abschieds wegen stundenlang angestellt, sondern um ein Foto zu knipsen, mit dem sie bei Freunden prahlen oder das sie auf Facebook posten können. Das finde ich, ehrlich gesagt, bei einem solchen Anlass unangemessen. Und hätte man sich verkneifen können.
:chat:
200% agree :thumbs_up: .
Einer der besseren Artikel der letzten Monate, auch wenn der Anlass ein trauriger ist.

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Re: Zum Abschied von Niki Lauda: Die Legende und der Mensch

Beitrag von FU Racing Team » 29.05.2019, 18:29

Tolle Worte Herr Nimmervoll. Ein wirklich schöner Artikel.
"Okay Lewis, it`s Hammertime!" :domokun:

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Re: Zum Abschied von Niki Lauda: Die Legende und der Mensch

Beitrag von Brod » 29.05.2019, 19:54

Während der Messe hielt sich zumindest in meinem Eck die Knipserei in Grenzen - am Ende haben, dann eben alle das Smartphone rausgeholt.
Wirklich "störend" fand ich allerdings nur, dass der Gerhard während seiner Rede unbedingt anfangen musste Zwiebeln zu schneiden...da hatte er zweifelsfrei die schönsten, weil einfach auch persönlichsten Worte.
Did perpetual happiness in the GardenofEden maybe get so boring that eating the apple was justified?

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Re: Zum Abschied von Niki Lauda: Die Legende und der Mensch

Beitrag von Hoto » 29.05.2019, 21:21

Wirklich schöner Artikel. :thumbs_up:

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Re: Zum Abschied von Niki Lauda: Die Legende und der Mensch

Beitrag von Turbo79 » 29.05.2019, 22:51

Wirklich sehr schöne Kolumne. :thumbs_up:

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Re: Zum Abschied von Niki Lauda: Die Legende und der Mensch

Beitrag von rot » 30.05.2019, 10:24

Schliesse mich den Vorrednern an. Oft geschunden und für Artikel zerrissen, der Herr Nimmervoll. Aber diesmal gibts auch von mit den Daumen hoch. :thumbs_up:

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Re: Zum Abschied von Niki Lauda: Die Legende und der Mensch

Beitrag von Costigan » 30.05.2019, 12:48

Sehr schöne und passende Worte. Auch für mich gesprochen muss ich sagen, dass ich es unglaublich finde, wie nahe einem der Tod eines Menschen gehen kann, dem man nie begegnet ist und von dem man auch nie leidenschaftlicher Fan war, sondern einfach nur aufgrund seiner Präsenz, seiner Art und seiner Geschichte. Das spricht für den Menschen Niki Lauda.
It's never good to live in the past too long. As for the future, it didn't seem so scary anymore. It could be whatever I want it to be... Who's to say this isn't what happens? And who's to say my fantasies won't come true... just this once?

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Re: Zum Abschied von Niki Lauda: Die Legende und der Mensch

Beitrag von Simtek » 30.05.2019, 15:36

Ich kann Christian Nimmervoll in den meisten seiner Kolumnen nicht zustimmen, hier ist aber genau das Gegenteil der Fall. :thumbs_up:
Mit Niki Lauda verliert man einen ganz besonderen Menschen, jemand der dem Tod von der Schippe gesprungen ist. Bei seinem schweren Feuerunfall haben viele sicher gedacht: "Okay er ist tod. Das kann niemand überleben.". Damit wir uns richtig verstehen: Das "Okay" ist hier natürlich nicht respektlos gemeint sondern dass, zum Zeitpunkt seines schweren Feuerunfalls auf dem Nürburgring tödliche Unfälle natürlich nicht Routine waren, aber viel häufiger vorkamen. Zwischen 1970 und 1980 verunglücken 11 Fahrer, bei F1 Rennen tödlich. Dazu mit Peter Revson, Brian McGuire und Patrick Depailler 3 weitere Fahrer bei Testfahrten. Der Motorsport begeistert mich seit dem Ende der 80´er Jahre. Auch wenn es natürlich immer zu viel und jeder Tod tragisch ist. Seit dem wurde ich glücklicherweise erst 3 mal während der F1 Rennwochenenden mit dem Tod eines Fahrers konfrontiert. Wie vermutlich jeder weiss: Ratzenberger und Senna starben an dem Rennwochenden 1994 in Imola. Beim Unfall von Jules Bianchi war mir dann klar: "Das kann er nicht überleben", auch wenn ich natürlich immer gehofft haben, das ich mich irre. Natürlich dürfen wir María de Villota nicht vergessen, die an den Spätfolgen ihres Unfalls bei Testfahrten starb.
Seine 2 Nierentransplantationen (Lebenspenden) hat er ja zumindest so weit wir als Fans wissen gut verkraftet. Aber die Lungentransplantation war dann am Ende wohl doch zu viel für seinen Körper. :(
Seinen zum entsprechenden Zeitpunkt aktuellen Gesundheitsstatus war uns verständlicherweise ja nie bekannt. Es gab ja immer wieder News, dass es ihm angeblich "schon etwas besser" ginge oder kurz danach Nachrichten über einen Gesundheitlichen Rückschlag. Viele hier (inkl. mir) war da wohl eigentlich klar, das er wohl nicht mehr an der Rennstrecke auftauchen würde höchstens das er sich mal per Video meldet.
Als F1 Experte im TV habe ich ihn meist geschätzt auch wenn ich klar sagen muss das war nicht immer der Fall, besonders zuletzt! Zum Thema Filmen und Fotos am Sarg möchte ich aber etwas anmerken! Über welche Fotos reden wir? Fotos, die ein F1 oder im speziellen Fall sogar Niki Lauda Fans handelt, schiesst weil er ein Andenken zur Erinnerung an Lauda und diesen speziellen wenn auch sehr traurigen Tag haben möchte? Oder reden wir über einige Idioten, denen es wirklich nur um dieses Foto gibt. Denen es hier nur um ihr Hobby Fotografieren geht? Am besten noch aus die abartige Art: Eh Paul stell dich mal vor die Kiste *klick* Nee, ein bischen weiter links *klick* so jetzt geh mal weg, ich brauch noch ein Foto für meinen Facebook Account *klick*!

@ Constigan
Auch hier möchte ich etwas sagen, bzw. Dir zustimmen. Wie sicher viele wissen bin ich neben der F1 auch Fan des FC Schalke 04. Im Februar starb mit Rudi Assauer ein grosses Idol. Schon da war ich geradezu erschrocken, wie nahe einem der Tod solch eines Menschen gehen kann.
Lieber Schumi, bitte denk daran: "Wer kämpft kann verlieren - wer nicht kämpft, der hat schon verloren!"

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Pentar
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Re: Zum Abschied von Niki Lauda: Die Legende und der Mensch

Beitrag von Pentar » 01.06.2019, 09:54

@Christian Nimmervoll:
Einer der bis dato schönsten Artikel von Ihnen!
:thumbs_up: :thumbs_up: :thumbs_up:

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