Kolumne aus Le Castellet: Mondlandung auf dem Nürburgring

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Kolumne aus Le Castellet: Mondlandung auf dem Nürburgring

Beitragvon Redaktion » 25.06.2018, 18:21

Redakteur Dominik Sharaf hätte sich auf dem Cirucit Paul Ricard fast verlaufen, sah Polizisten im Stau Croissants mampfen und fand alles "ein bisschen 90er"
Fans in Le Castellet

Nein, das sind keine Astronauten, sondern Formel-1-Fans in Le Castellet

Liebe Leserinnen und Leser,

seit dem Frankreich-Grand-Prix kann ich einen Satz nicht mehr hören: "Wenn möglich, bitte wenden!" Das Dauerschleifen-Kommando meines Navigationssystems auf dem allmorgendlichen Weg zum Circuit Paul Ricard. Die Dame im Lautsprecher, die redlich aber vergebens nach Umfahrungsmöglichkeiten der Megastaus suchte, ist mittlerweile verstummt und das Thema zu Genüge besprochen. Ein gemischter Eindruck bleibt.

Das Positive: Ich bin nach dem Wochenende überzeugt, dass die Formel 1 nach Frankreich gehört. Zu viel Enthusiasmus und Interesse war nicht nur bei Fans, sondern bei jedermann zu spüren - vom Tankwart bis an die Supermarkt-Kasse. Ich legte kaum einen Stopp ein, bei dem mir nicht die Frage gestellt wurde, was ich denn mit so einer Akkreditierung um den Hals arbeiten würde.

Fans in Le Castellet

Nationalstolzes Völkchen: Renault und die Tricolore waren omnipräsent

Auch wenn mein Schulfranzösisch und das Englisch der meisten Gesprächspartner ausbaufähig waren, waren Gastfreundschaft und der Stolz, dass "quelque chose comme Le Mans" (O-Ton im Hotel) vor der Haustür ausgetragen wird, spürbar. Längst keine Selbstverständlichkeit und aus meiner Sicht ein (zu) wenig beachtetes Auswahlkriterium für Grands Prix. Bestes Negativbeispiel: Ungarn.

Man kann argumentieren, dass nur 190 Kilometer entfernt das Rennen in Monaco stattfindet. Die Glamour-Festspiele mit ihren zuweilen versnobten "Fans" besitzen aber anderen Charme. Le Castellet entpuppte sich - was das Publikum betraf - als provenzalischer Nürburgring. Campingplätze rundherum, Menschen mit Kühlboxen und Dosenbier, abends Holzkohle-Geruch und Grillnebel.

Küstenort bei Le Castellet

Malerische Örtchen: Unweit von Le Castellet lässt es sich auch gut urlauben

Es war eines der Rennen, die sich Formel-1-Traditionalisten wünschen. Le Castellet ist in einer Tour mit Silverstone, Hockenheim und Spa-Francorchamps zu nennen. Die 90er ließen grüßen. Flapsig und angelehnt an die "Schumania" formuliert: "Renault, Fritten, Bier, dafür sind wir hier!"

Doch das birgt Schattenseiten, die angesichts des Komforts fernab von Europa in Vergessenheit geraten sind. In Bahrain oder Abu Dhabi fährt man zu beliebiger Tages- und Nachtzeit aus der Innenstadt los, stellt den Tempomaten ein und düst über sechsspurige Highways quer durch die Wüste auf den Parkplatz der Rennstrecke, ohne die Bremse nur anzutippen. Es geht nicht bequemer.

Legendenparade in Le Castellet

Erinnerte an Spielberg: die Legendenparade in Le Castellet

Dafür genießt man vor Ort die sterile Atmosphäre eines Einkaufszentrums, über die genauso laut geschimpft wird wie über die chaotische Verkehrssituation in Le Castellet. Beides hat seine Berechtigung, aber ich frage mich: "Was nun bitte?" Südfrankreich fühlte sich nach Formel 1 alter Schule an. Beklebte Wohnwagen, Imbissbuden mit Ferrari-Fähnchen, enge Bundesstraßen wie in der Eifel.

Klar, mich haben die Staus und meine dreistündige, aber nur 25 Kilometer lange Anfahrt am Freitag auch genervt. Besonders, als ich einen tiefenentspannten Polizisten erblickte, der neben der Blechlawine genüsslich in sein Croissant biss, statt den Verkehr zu regeln. Es war wie in einem Louis-de-Funes-Film. Aber für Medienvertreter fand man rasch eine Lösung, die die Situation erträglich machte.


Fotostrecke: Paul Ricard: Hochglanz mit Verwirr-Faktor

Die Formel 1 ist zurück in Le Castellet. 1990 fand der letzte Formel-1-Grand-Prix auf dem Circuit Paul Ricard statt. Seitdem ist der Kurs kaum wiederzuerkennen. Aus der veralteten Anlage ist eine der modernsten Strecken der Welt geworden, die aber ihre Probleme mit sich bringt. Die Reaktionen der Fahrer:

Die Formel 1 ist zurück in Le Castellet. 1990 fand der letzte Formel-1-Grand-Prix auf dem Circuit Paul Ricard statt. Seitdem ist der Kurs kaum wiederzuerkennen. Aus der veralteten Anlage ist eine der modernsten Strecken der Welt geworden, die aber ihre Probleme mit sich bringt. Die Reaktionen der Fahrer:

Wirklich Grund wütend zu sein hatten aber die Fans, die für viel Geld eine Karte gekauft hatten und statt auf der Tribüne auf einem Mäuerchen am Straßenrand hockten, um darauf zu warten, dass sich der Stau bewegt - während sich die Formel-1-Action ein paar Kilometer entfernt ohne sie abspielte.

Bei allem Verständnis: Das darf nicht passieren und verprellt diejenigen, die dem Motorsport seine Daseinsberechtigung verschaffen. Veranstalter und Behörden müssen sich fragen lassen, ob sie künftig in der Lage sind, Abhilfe zu schaffen. Ein zweites Mal ist eine solche Farce unentschuldbar.

In krassem Kontrast zu dem rustikalen Umfeld steht der Circuit Paul Ricard selbst. Er sieht nicht nur im Fernsehen aus wie eine Mondlandschaft, er ist eine Mondlandschaft! Schon bei einem Spaziergang (mit höchstens sechs km/h!) war mir nicht klar, wo die Strecke verläuft. Überall Asphalt, bunte Linien und noch viel mehr Asphalt. Das hat mit dem Nürburgring wirklich nichts zu tun.

Fanzone in Le Castellet

Tourismuswerbung im Las-Vegas-Stil: Das Rennen war PR für die Region

Sollte so die Rennstrecke der Zukunft aussehen, verhieße es nichts Gutes für den Motorsport. Le Castellet ist die Antithese eines Stadtkurses und einer Naturrennstrecke. Die Fotografen im Medienzentrum klagten über Motivarmut. Ich finde, man muss dem Parcours zugutehalten, dass er Alleinstellungsmerkmale hat und unterscheidbar ist. Leider fällt er durch, pardon, Hässlichkeit auf.

Bei einem Spaziergang durch die Fanzone wurde mir erst klar, wieso die Formel-1-Rückkehr mit viel Geld aus den Kassen der Region und des Departements finanziert wurde: Werbung! Tourismus war das große Thema zwischen den Pappfassaden eines provenzalischen Örtchens, das im besten Las-Vegas-Stil nachgestellt wurde. Von Weinproduzenten über Fremdenverkehrsämter bis hin zur Polizei war alles vertreten. Dass auch das französische Militär die Chance nutze, am Rande des Rennens Reklame für eine Karriere in der Truppe zu machen, hatte etwas Geschmäckle.

Ihr
Dominik Sharaf


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Re: Kolumne aus Le Castellet: Mondlandung auf dem Nürburgring

Beitragvon wii07 » 25.06.2018, 18:39

"vom Tankwart bis an die Supermarkt-Kasse. Ich legte kaum einen Stopp ein, bei dem mir nicht die Frage gestellt wurde, was ich denn mit so einer Akkreditierung um den Hals arbeiten würde."

Wäre mir zu blöde außerhalb dem F1 Zirkus das laminierte Din A5 Blatt ganze Zeit um den Hals zu haben.

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Re: Kolumne aus Le Castellet: Mondlandung auf dem Nürburgring

Beitragvon terraPole » 25.06.2018, 19:22

Redaktion hat geschrieben:Redakteur Dominik Sharaf hätte sich auf dem Cirucit Paul Ricard fast verlaufen...

...schade. :wink: :mrgreen: :rotate:

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Re: Kolumne aus Le Castellet: Mondlandung auf dem Nürburgring

Beitragvon Simtek » 25.06.2018, 19:29

@ Dominik Sharaf

:thumbs_up:
Ein GP in Frankreich? Ja gerne!!
Ein GP in Le Castellet? Nein danke!!
Lieber Schumi, bitte denk daran: "Wer kämpft kann verlieren - wer nicht kämpft, der hat schon verloren!"

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Re: Kolumne aus Le Castellet: Mondlandung auf dem Nürburgring

Beitragvon niehoff » 25.06.2018, 19:30

Ein guter Sharaf Artikel. Hier wird ja gern mal auf ihn (und oft zurecht) eingedroschen, aber das war Lesenswert und hätte ruhig noch einige Zeilen länger sein dürfen! Es gibt einem einen Einblick auf das Geschehen, was wir vorm TV nicht haben.

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Re: Kolumne aus Le Castellet: Mondlandung auf dem Nürburgring

Beitragvon phenO » 25.06.2018, 22:07

niehoff hat geschrieben:. Hier wird ja gern mal auf ihn (und oft zurecht) eingedroschen


Sorry, aber ne - das ist meist sehr berechtigt.


Edit: Mein Fehler, ich hatte in deinem Beitrag „oft zu unrecht“ gelesen.
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Keep fighting Michael ; RIP Jules!

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Re: Kolumne aus Le Castellet: Mondlandung auf dem Nürburgring

Beitragvon Pentar » 25.06.2018, 23:21

:thumbs_up:
Ein lesenswerter Artikel von Herrn Sharaf...

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Re: Kolumne aus Le Castellet: Mondlandung auf dem Nürburgring

Beitragvon Plauze » 25.06.2018, 23:27

War eine interessante, gut geschriebene und anschauliche Kolumne. Schon interessant. Es sieht ja offensichtlich so aus, als gäbe es unter den Fans ein Bedürfnis, die von Sharaf so schön beschriebene Atmosphäre der 90er Jahre wiederzubeleben. Die Formel 1 tut leider sehr oft alles dagegen, dass man sich als Fan "zuhause" und willkommen fühlen kann, angefangen natürlich mit den Streckenlayouts.

Ich mag den Streckenverlauf von Le Castellet. Das könnte eine richtig tolle, gute Rennstrecke mit Charakter sein. Interessante Kurvenkombinationen, die Mistralgerade mit anschließender Mutkurve... Leider ist man in puncto Sicherheitsvorkehrungen übers Ziel hinausgeschossen, und man hat ja schon eingestanden, dass die Maßnahmen in Le Castellet nicht vor dem Hintergedanken der Sicherheit der Fahrer ergriffen wurden, sondern um die Geldbeutel der dort testenden Teams zu schonen.
Vielleicht kann sich das Rennen ja - mit einer etwas besseren Verkehrsordnung - etablieren, und vielleicht kann man dann ja noch ein bisschen was von der Atmosphäre eines altehrwürdigen Rennens auf einer traditionellen Strecke zurückholen.
Alles kann passieren. Und das ist auch gut so.

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Re: Kolumne aus Le Castellet: Mondlandung auf dem Nürburgring

Beitragvon Rostocker » 26.06.2018, 06:30

Also "verlaufen" kann man sich beim zuschauen des Rennens auch. Irgendwie sieht viel gleich aus und man hat Mühe zu erkennen, was die Kamera einem da gerade zeigt! Kaum markante Punkte, dafür viel schwarz/blau/rot. Sorry, aber der Strecke fehlt es an Charakter! Und damit meine ich nicht die Kurven und Schikanen...sondern das Drumherum.

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Re: Kolumne aus Le Castellet: Mondlandung auf dem Nürburgring

Beitragvon Hangglider » 26.06.2018, 08:42

wii07 hat geschrieben:"vom Tankwart bis an die Supermarkt-Kasse. Ich legte kaum einen Stopp ein, bei dem mir nicht die Frage gestellt wurde, was ich denn mit so einer Akkreditierung um den Hals arbeiten würde."

Wäre mir zu blöde außerhalb dem F1 Zirkus das laminierte Din A5 Blatt ganze Zeit um den Hals zu haben.


Genau das dachte ich auch... Hauptsache zeigen, dass man auch nur im entferntesten in irgendeinem Bereich "wichtig" ist :rotate:

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Re: Kolumne aus Le Castellet: Mondlandung auf dem Nürburgring

Beitragvon Hoto » 26.06.2018, 08:45

Ja, die Streckenführung mag interessant sein, das Rennen war durchaus hier und da auch Ereignisreich und überholt wurde auch. Aber all das kann über die Hässlichkeit dieses Rennstrecken Parkplatzes nicht hinwegtäuschen. Hässlich bleibt hässlich.

Aber dafür kann die Strecke nur bedingt was, sie wurde als reine Teststrecke entworfen und da sind solche Auslaufzonen normal. Ist halt nur für ein Rennen kein schöner Anblick.

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Re: Kolumne aus Le Castellet: Mondlandung auf dem Nürburgring

Beitragvon Manisch » 26.06.2018, 09:17

Ich würde nicht sagen, dass der Strecke Charakter fehlt - im Gegenteil, vielleicht hat die Strecke einfach etwas zu viel davon. Aber da kann man mir sagen, was man will: An Le Castellet erinnert man sich, auch wenn es nur die bunte Bemalung ist.

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Re: Kolumne aus Le Castellet: Mondlandung auf dem Nürburgring

Beitragvon daSilvaRC » 26.06.2018, 09:18

Hoto hat geschrieben:Aber dafür kann die Strecke nur bedingt was, sie wurde als reine Teststrecke entworfen und da sind solche Auslaufzonen normal. Ist halt nur für ein Rennen kein schöner Anblick.



Die optische Geschichte könnte man mit etwas Farbe ändern. Streicht die weiten Auslaufzonen sandfarben, danach etwas grün- wäre schon deutlich schöner fürs Auge, und für die Fahrer einfacher.
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Re: Kolumne aus Le Castellet: Mondlandung auf dem Nürburgring

Beitragvon Number2 » 26.06.2018, 20:08

Abgesehen von den Farben hätte ich auch keinen Bock, 1 km von der Strecke entfernt den Boliden zuzuschauen... Vieeel zu weit weg


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