• 27. November 2017 · 08:35 Uhr

Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Wie der denkwürdige Abschied von Niki Lauda als RTL-Experte eine einmalige Chance sein kann, die Formel 1 im deutschen Fernsehen neu auszurichten

(Motorsport-Total.com) - Liebe Leser,

Niki Lauda und Florian König, RTL, Monza 2008

Eingespieltes Team: Seit 1995 haben Niki Lauda und Florian König analysiert Zoom Download

beim Saisonfinale in Abu Dhabi haben viele von Ihnen wohl nicht erst in der Nacht geschlafen, sondern schon am Nachmittag. Denn das Rennen, mit dem sich die Formel 1 mit Glanz und Gloria in die Winterpause verabschiedet hat, hatte - so ehrlich muss man sein - das Spannungsniveau einer hochdosierten Schlaftablette.

Dass die Formel 1 überhaupt noch stattfinden muss, wenn das Kernpublikum in Europa schon Biathlon und Skirennen schaut und sich Gedanken um die Weihnachtseinkäufe macht, ist ein anderes Thema. Ich persönlich glaube: Mehr Qualität und weniger Quantität würde dem Grand-Prix-Kalender gut tun. Und die Vorfreude auf Melbourne 2018 wäre nach einer längeren Winterpause größer. So haben die Fans zu wenig Zeit, Entzugserscheinungen zu entwickeln.

Wenn es denn dann wieder losgeht, wird einer (zumindest als TV-Experte) nicht mehr dabei sein: Niki Lauda. Und das ist der Grund, warum wir heute Florian König schlecht schlafen lassen.

König ist definitiv kein Verlierer des Wochenendes, was eigentlich dem Konzept dieser Kolumne entsprechen würde. Aber trotzdem irgendwie eine tragische Symbolfigur für den denkwürdigen TV-Abend, den uns RTL gestern geliefert hat.

Denkwürdiger TV-Moment bei RTL

Als Lauda vor laufender Kamera zu seiner Rücktrittserklärung ansetzte, war der Moderator fassungslos und traute seinen Ohren nicht. Offensichtlich war Laudas Ankündigung nicht vorher abgesprochen - und wenn doch, dann sollte König sich überlegen, nach Hollywood zu gehen.

Seine Emotionen wirkten ehrlich, und auch wenn es der Job des TV-Moderators so an sich hat, von vielen kritisiert zu werden, dürfte er mit seinem menschlichen Ausstieg aus der Abu-Dhabi-Übertragung viele Sympathien gesammelt haben.

"Danke, Legende", sagte er - und umarmte Lauda, der sonst nicht viel mit Gefühlsausbrüchen anfangen kann. Minuten, die in die Geschichte der RTL-Formel-1-Übertragungen eingehen werden - und an einem ansonsten inhaltsleeren Grand-Prix-Abend mit großem Abstand Thema des Tages waren.

Das belegen unsere Zugriffszahlen. Kaum jemand interessierte sich gestern Abend für die Analysen des Rennens. Aber die Lauda-Story wollte jeder lesen.

Was die Formel 1 betrifft, steht die Fernsehlandschaft in Deutschland möglicherweise vor einem Umbruch. RTL und Sky haben noch keinen Vertrag für die Live-Rechte 2018. Das könnte eine Chance sein, die Königsklasse hierzulande neu zu positionieren.

RTL wird gerade von den meist fachkundigen Lesern von Special-Interest-Plattformen wie unserer oft als oberflächlich kritisiert und durch den Kakao gezogen. Zu Unrecht. Der Kölner Privatsender bietet einem mainstreamig orientierten, patriotischen Publikum eine gesunde Mischung aus Sport und Entertainment. Ideal für jeden, der alle zwei Wochen Formel 1 schauen will und sonst nicht viel mit Motorsport am Hut hat.

2018: Chance für eine neue Ausrichtung?

Für die Hardcore-Fans, die jeden Schnipsel Information aufsaugen, ist das zu wenig. Aber die haben schließlich auch eine Alternative: Sky. Wer alles über die Formel 1 wissen möchte, der muss für ein Pay-TV-Abo bezahlen. Und auch wenn Sky von den Fans weniger oft kritisiert wird als RTL, müsste gerade der Pay-TV-Anbieter die aktuelle Situation auf dem Markt als Chance für einen Neubeginn begreifen.

Sascha Roos und Marc Surer machen am Mikrofon einen hervorragenden Job. Sachlich und kompetent, aber doch mit der nötigen Leidenschaft, die den Fan an die Formel 1 bindet. Aber beim Konsum der Sky-Übertragungen hat man manchmal das Gefühl, die Crew kratzt mit ihrer Präsentation ganz bewusst nur an der Oberfläche, anstatt mit (der zweifellos vorhandenen) Kompetenz tief in die Materie einzudringen und komplexe Hintergründe zu erklären.

Das halte ich für einen Fehler.


Fotostrecke: GP Abu Dhabi, Highlights 2017

Es ist ein bisschen wie in der Politik: Viele Politiker muten ihren Wählern die ganze Wahrheit nicht zu, weil sie glauben, dass sie für Otto Normalverbraucher zu komplex ist. Aber da wird das Volk genauso unterschätzt, wie das Sky mit seinen Zuschauern macht.

Komplexe Zusammenhänge erklären bedeutet nicht automatisch, dass all jene sofort aussteigen, die nicht mehr mitkommen. Und dass man die Formel 1 journalistisch hochwertig, kompetent und trotzdem auch für den Laien verständlich aufbereiten kann, beweist Sky UK.

Der britische Schwesternsender überträgt an jedem Rennwochenende alle Sessions mit Vor- und Nachklapp, zeigt alle FIA-Pressekonferenzen, am Freitag nach dem Ende des Trainings noch eine Formel-1-Show mit spannenden Interviews und nach Qualifying und Rennen das kultige "Notebook" von Ted Kravitz - meiner Meinung nach das beste Format, das es im Formel-1-Fernsehen je gegeben hat.

Unterhaltsames Formel-1-Format für Hardcore-Fans

Es besteht im Wesentlichen daraus, dass Kravitz eine halbe Stunde lang ungezwungen durch den Paddock schlendert und zu jedem Team Notizen aus seinem Notebook vorliest. Dabei spekuliert er fachlich kompetent über aktuelle Gerüchte und interviewt manchmal Persönlichkeiten, wie sie ihm gerade über den Weg laufen.

Was Kravitz besonders gut kann: Sich, wenn er es selbst besser weiß, nicht mit PR-Antworten abspeisen zu lassen, wie das im deutschen Fernsehen leider zu oft passiert, sondern gnadenlos nachzubohren. "Komm schon, das kann ja wohl nicht Ihr Ernst sein", hat er dem einen oder anderen schon an den Kopf geworfen, wenn ein Teamchef meinte, mit seiner sehr subjektiven Version der Wahrheit durchzukommen.

Der schöne Nebeneffekt von "Ted's Notebook" ist, dass die TV-Zuschauer Einblicke in die faszinierende Welt des Formel-1-Paddocks erhalten, für die sie sonst tausende Euro ausgeben müssten. Es ist interessant zu sehen, wer in einer versteckten Ecke mit wem spricht - und darüber zu spekulieren worüber. Kravitz macht das genauso kompetent wie charmant.


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Nun kann man die deutschen Sky-Kollegen mit ihren beschränkten finanziellen Mitteln nicht mit den Kollegen von Sky UK vergleichen, die mit einer regelrechten Armee an Personal zu jedem Rennen aufmarschieren. Aber wenn man vom Zuschauer schon Geld für ein Abo haben will, sollte man sich diametral entgegengesetzt zum Wettbewerber RTL positionieren. Und das heißt dann eben knallharte Fakten statt seichte Unterhaltung.

Zum Beispiel auch Mal den Mut zu zeigen, Formate aus dem Contentpool von Sky UK 1:1 zu übernehmen. Der Fan, der bereit ist, Geld für die Formel 1 zu zahlen, ist in der Regel des Englischen mächtig - und würde sich über Live-Pressekonferenzen oder Formate wie "Ted's Notebook" bestimmt freuen. Das wäre ein echtes Alleinstellungsmerkmal und ein Feature, das RTL schon wegen der limitierten Sendezeit auf einem konventionellen TV-Sender nicht bieten kann.

Free-TV und Pay-TV ergänzen sich perfekt

RTL bedient den Mainstream ganz hervorragend. Heiko Waßer und Christian Danner mag nicht jeder, aber sie machen es auch demjenigen leicht, in die Formel 1 einzusteigen, der den Sport noch nicht in- und auswendig kennt. Das ist ihre Aufgabe. Und Kai Ebel ist dem einen oder anderen vielleicht etwas zu schrill und bunt, aber in Deutschland kennen ihn wahrscheinlich mehr Menschen als Sebastian Vettel. Nicht ohne Grund. RTL macht das, was RTL machen soll, hervorragend.

Es wäre wünschenswert, wenn die beiden Sender auch 2018 nebeneinander koexistieren könnten. Wer RTL nicht mag, kann zu Sky wechseln, und umgekehrt. Diesen Luxus haben außer Deutschland nicht viele Länder, wenn es um die Formel 1 geht. Und wir als Special-Interest-Medium wünschen uns, dass das so bleibt! RTL, Sky und das Internet ergänzen sich perfekt. Jeder bedient eine Nische, und jede dieser Nischen ist wichtig für die Attraktivität des Sports insgesamt.

Zurück zum Ausgangspunkt, Florian König und Niki Lauda. Gesetzt den Fall, dass RTL die Formel 1 weiterhin live überträgt, wer soll dann neuer Experte werden? In Form unseres aktuellen Online-Votings liegt ein erster Trend vor: Knapp 37 Prozent wünschen sich Nico Rosberg ans Mikro, 31 Prozent Timo Glock, 13 Prozent Gerhard Berger und immerhin sieben Prozent Alex Hofmann. Alle vier wären eine gute Wahl. Rosberg wahrscheinlich die beste.

Zum Abschluss bleibt mir nur noch zu sagen (schreiben): Danke, Niki Lauda, für mehr als zwei Jahrzehnte am RTL-Mikrofon. Eine Ära geht zu Ende. Ich mag nicht immer Ihrer Meinung gewesen sein (und das werden viele sagen), aber allein die Tatsache, wie sehr Sie polarisiert haben, spricht für einen guten Job.

Das Schlimmste für einen Journalisten oder Experten ist, wenn er die Menschen kalt lässt. Das haben Sie ganz bestimmt nie.

Übrigens: Wenn Sie jetzt auch wissen wollen, wer letzte Nacht am besten geschlafen hat, dann lesen Sie die spannende Schwesternkolumne meines Kollegen Stefan Ehlen auf de.motorsport.com!

Ihr
Christian Nimmervoll

PS: Folgen Sie mir oder meinen Kollegen auf Twitter unter @MST_ChristianN!

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