• 30. Oktober 2017 · 13:44 Uhr

Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat

Hommage an den neuen Weltmeister: Chefredakteur Christian Nimmervoll spekuliert, warum wir 2017 den besten Lewis Hamilton aller Zeiten gesehen haben

(Motorsport-Total.com) - Liebe Leser,

gestatten Sie mir eingangs ausnahmsweise einen Hinweis in eigener Sache. "Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat" hat Zuwachs bekommen! Auf unserem Schwesternportal de.motorsport.com gibt's ab sofort jeden Montag das Gegenstück "Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat" nachzulesen. Nur heute nicht. Denn - unsere langjährigen Leser wissen das - zur Krönung des Weltmeisters lassen wir den neuen Champion am besten und nicht am schlechtesten schlafen. Was bedeutet, dass das am schlechtesten Schlafen diesmal bei meinem Kollegen Stefan Ehlen stattfindet. Der hat sich zum Start der Schwesternkolumne mit dem Renault-Fiasko in Mexiko auseinandergesetzt. Und das können Sie hier nachlesen.

Ich für meinen Teil würdige programmgemäß Lewis Hamilton. Das fällt mir gar nicht so leicht. Nicht weil er keine tolle Leistung erbracht hätte - ganz im Gegenteil, die war 2017 grandios! Sondern viel eher, weil es kaum noch eine Geschichte über ihn gibt, die nicht schon einmal erzählt wurde. Auch diese hier wird der eine oder andere schon kennen. Aber bei einem Anlass wie heute ist sie es wert, noch einmal aufgeschrieben zu werden.

Es war Dezember 2016, Nico Rosberg hatte gerade den WM-Titel geholt und völlig überraschendend seinen Rücktritt erklärt. Hamilton musste nach dem unumstrittenen Star des Abends in die Pressekonferenz in Wien. Ich saß in der ersten Reihe und konnte regelrecht spüren, wie ihm der Auftritt Schmerzen bereitete. Ein Lewis Hamilton ist nicht dazu geboren, zu verlieren - und noch weniger liegt es ihm, Niederlagen zu erklären.


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In seiner ersten Reaktion ärgerte er sich instinktiv über seinen langjährigen Freund, der nun keiner mehr war. Es sei unfair von Rosberg, seinen Gegnern nicht die Chance zur Revanche zu geben - womit er natürlich in erster Linie sich selbst meinte. Die letzten vier Rennen gewonnen, trotzdem nicht Champion! 2016, das war in Hamiltons Wahrnehmung ein Betriebsunfall, ein schwarzer Fleck, den er nur zu gerne korrigiert hätte. Mit Rosbergs Rücktritt wurde ihm diese Gelegenheit gestohlen. Gut für Rosberg, schlecht für ihn.

Dass ihn Rosbergs Rücktritt wurmt, weil er der Welt gerne gezeigt hätte, wer wirklich der beste Fahrer der Formel 1 ist, war Hamilton 2017 immer wieder anzumerken. Er ist nicht besonders gut darin, sich Seitenhiebe zu verkneifen; gut so, schließlich wird er auch nicht dafür bezahlt, sondern fürs schnelle Autofahren.

Aber auch wenn Hamilton diese Konstellation wurmte, ließ er sich nicht dazu hinreißen, in ein irrationales, leistungsschädliches Verhaltensmuster zu verfallen. Er setzte sich mit Toto Wolff in dessen Küche zusammen, redete sich stundenlang alles von der Leber, was ihn in der Vergangenheit belastet hatte. Da war einiges zusammengekommen in vier Jahren Mercedes an Rosbergs Seite!

Man darf spekulieren: Vielleicht war dieses Gespräch ein wesentlicher Treiber dafür, dass die Entscheidung für Valtteri Bottas und gegen einen aufmüpfigeren Teamkollegen gefallen ist.

Wie dem auch sei: Hamilton ging mit der Entschlossenheit in den Winter, den Betriebsunfall von 2016 zu korrigieren, er beschäftigte sich systematisch mit seinen (wenigen) Schwächen und dachte darüber nach, wie er seine Stärken weiter forcieren kann. Ein Prozess, der sich durch die ganze Saison 2017 zog. Seit Singapur ernährt sich der 32-Jährige vegan - und fühlt sich seither so fit wie nie zuvor. Ein Beispiel von vielen.

Es gibt wenig auszusetzen an Hamiltons Weg zum vierten Titel. In den Qualifyings hat er ein neues Level erreicht, belohnt mit dem Knacken der alten Pole-Bestmarken von Ayrton Senna (besonders emotional) und Michael Schumacher (nicht ganz so). In den Rennen war er konstanter als je zuvor. Und - und das ist wahrscheinlich der wichtigste Punkt - innerhalb des Teams legte er eine neue Einstellung an den Tag.

Geschichte ist das Weinerliche, wenn sich seiner Meinung nach wieder einmal die Welt gegen ihn und für Rosberg verschworen hat. Die Gegenwart lautet, dass Hamilton an seiner Kommunikation mit dem Team gearbeitet hat und somit selbst verhindert, dass es einzelne Strömungen geben könnte, die mit seinem Teamkollegen mehr Freude haben als mit ihm. Zumal er fahrerisch keinen Zweifel daran lässt, dass ihm Bottas nicht das Wasser reichen kann.

Wir haben 2017 den besten Lewis Hamilton erlebt, den es je gegeben hat. Und auch den reifsten. Als sich nach der Kollision in Baku Sebastian Vettel wie ein kleines Kind an ihm rieb, bewahrte er seine Gelassenheit. Einiges davon mag gespielt gewesen sein, um den coolen Eindruck nach außen zu wahren. Aber Hamilton war dieses Jahr besser als Vettel darin, seine Fassung zu wahren und seine Energie in die richtigen Bahnen zu kanalisieren. Auch das mag für die WM-Entscheidung eine Rolle gespielt haben.

Man kann Lewis Hamilton mögen oder auch nicht. Es ist nicht meins, mehrere Goldkettchen um den Hals zu tragen, mit pathetischen Tattoos auf Instagram zu posieren und zwischen den Grands Prix mit dem Privatjet von Party zu Party zu tingeln. Wobei man ihm zugestehen muss, dass er dieses Leben mit einer solchen Freude und Energie lebt, dass ihn das schon wieder irgendwie sympathisch macht. Ich mag Hamiltons Gehabe nicht. Die bewundernswerte Persönlichkeit, die dahinter steckt, aber schon.

Das wird ihm ziemlich egal sein. Gut so. Die Formel 1 ist kein Wettbewerb, möglichst vielen Menschen gefallen zu wollen; sondern es geht einzig und allein darum, der Beste zu sein.

Das war Lewis Hamilton 2017 ohne jeden Zweifel. Und das nicht nur wegen seines Autos.

Er ist ein guter Weltmeister.

Ihr
Christian Nimmervoll

PS: Folgen Sie mir oder meinen Kollegen auf Twitter unter @MST_ChristianN!

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