• 12. Juni 2017 · 14:56 Uhr

Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Max Verstappen: Über das Selbstverständnis eines kommenden Weltmeisters, der noch keiner ist und es mit dem aktuellen Red Bull auch nicht werden kann

(Motorsport-Total.com) - Liebe Leser,

sieben Rennen der Formel-1-Saison 2017 sind absolviert, und es gibt bislang keinen einzigen Fahrer, der öfter als dreimal ausgeschieden ist (McLaren-Honda einmal ausgenommen). Genau dreimal ausgeschieden ist aber einer, der beim Grand Prix von Kanada einen besonders bitteren Ausfall hinnehmen musste: Max Verstappen.

Nicht erst seit der (zumindest aus seiner Sicht) unnötig verpatzten Strategie in Monaco wird das Geraunze des 19-Jährigen bei Red Bull lauter. Verstappen kritisiert sein Team mit dem Selbstverständnis eines Weltmeisters, obwohl er noch keiner ist. Weil er weiß, dass er eines Tages einer sein wird. Und dass er nach sieben Rennen 2017 um fünf Punkte weniger auf dem Konto hat als nach sieben Rennen 2016, obwohl er damals die ersten vier Grands Prix noch für Toro Rosso gefahren ist, stinkt ihm ganz gewaltig.

Es sei doch "offensichtlich", was passiert ist, meinte Verstappen nach seinem Batteriedefekt. Er stimmt damit ein ins Konzert der ewigen Nadelstiche von Red Bull gegen Motorenlieferant Renault, initiiert federführend von Helmut Marko. Verstappen hält sich für besser als das Auto, das man ihm zur Verfügung stellt, und das führt zu einem unausgeglichenen Gemütszustand, den er nach außen nicht mehr verbergen kann.

Teamchef Christian Horner war nach dem einigermaßen erfreulichen Podium von Daniel Ricciardo auf einer Anti-Red-Bull-Strecke vor allem damit beschäftigt, den (Damen und) Herren Journalisten zu erklären, warum er nicht glaubt, dass Verstappen die Lust verliert. Warum sein Schützling doch in Wahrheit super motiviert sei. Warum man dies und jenes nicht auf die Goldwaage legen dürfe.

Der geschulte Beobachter vermutet: Verstappen könnte jeden Moment der Kragen platzen, und Red Bull hat große Angst davor, dass er einfach zum nächstbesten Konkurrenten abhauen könnte.

Dabei hätte Verstappen eigentlich keinen Grund, schlecht zu schlafen. In der Wahrnehmung der meisten Experten mausert er sich teamintern zusehends zur Nummer 1. Gegen Ricciardo, mit Sicherheit auch kein Nasenbohrer, eine beachtliche Leistung.

Die nackten Zahlen aber (die nicht immer die ganze Wahrheit sprechen) sehen anders aus: Nach Punkten führt Ricciardo mit 67:45, im Qualifying-Duell steht es mit 4:3 zu Verstappens Gunsten fast ausgeglichen.

Es geht mir gar nicht darum, seine Leistungen schmälern zu wollen. Die sind überragend. Aber seit dem sensationellen Premierensieg in Barcelona vor einem Jahr hat Verstappen keinen Grand Prix mehr gewonnen. Und so, wie es momentan aussieht, wird sich das auch nicht allzu bald ändern. Das ist in der Welt eines Nachwuchs-Superstars, der sich selbst schon mit einer Hand am WM-Pokal sieht (im positiven, weil selbstbewussten Sinn!), unerträglich.

Nur noch eine Frage der Zeit ist auch, bis die Beziehungskrise zwischen Red Bull und Renault wieder eskaliert. Red Bull wartet dieser Tage auf ein großes Update, von dem Renault sagt, dass es nicht kommen wird. Weil es nie geplant war, wie Cyril Abiteboul wissen lässt. Alles politische Spielchen der Österreicher, um den Motorenhersteller unter Druck zu setzen?

Wenn man mit den Herren von Red Bull über den Motor spricht, werden sie nicht müde beiläufig zu erwähnen, dass sie sich dies und jenes verkneifen müssen, weil sonst gleich wieder das Telefon klingelt. Viry dran. Renault wiederum fühlt sich zu Unrecht runtergemacht.

Red Bull und Renault, das ist keine gelebte Partnerschaft, sondern eine Zweckehe.

Auch das ist ein Grund, der Verstappen schlecht schlafen lässt (falls er sich in seiner jugendlichen Unbekümmertheit überhaupt damit auseinandersetzt). Er weiß genau: Ihm liegt die Zukunft zu Füßen. Aber er möchte, dass die Zukunft jetzt beginnt. Sofort.

Das ist mit Red Bull 2017 nicht möglich.

Wer sonst noch schlecht geschlafen hat:

Daniil Kwjat: Vier Punkte hat der Russe erst auf seinem Konto, 25 sind es bei Teamkollege Carlos Sainz. Aber es sind Rennen wie gestern in Kanada, die ihm die Bilanz vermiesen, und nicht sein mangelndes Talent. Kwjat polterte bei der Analyse des Rennens in Montreal ziemlich lautstark. Er ist angespannt. Weil er weiß, dass es bei Toro Rosso für ihn eng werden könnte, wenn die Resultate nicht bald kommen. Und das tut doppelt weh, wenn er selbst wenig bis nichts dafür kann.

Yusuke Hasegawa: Es wird eng für die Partnerschaft zwischen McLaren und Honda. Lange hielt Zak Brown schützend die Hand über die Japaner, aber jetzt ist Schluss mit lustig. Seit Montreal spricht McLaren offen von einem Plan B, dass es so nicht weitergehen kann, dass ein Ende nicht mehr ausgeschlossen ist. Wer die Formel 1 kennt, der weiß, dass das nur eine Interpretation zulässt: McLaren wird schon 2018 mit einem anderen Motorenhersteller an den Start gehen.

Ihr
Christian Nimmervoll

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